ICOs: Die digitale Antwort auf traditionelle Kapitalmärkte

Bitcoin, Ethereum und Dash – mittlerweile werden online mehr als 700 Kryptowährungen gehandelt. Und obwohl sich Digitalwährungen bezüglich ihrer Eigenschaften wie etwa potenzieller Anwendungsbereiche oder der Schnelligkeit von Transaktionen erheblich unterscheiden, so haben sie fast alle eines gemeinsam: die Blockchain-Technologie. Dass die Blockchain allerdings weitaus mehr als nur das Fundament von Kryptowährungen ist, zeigt uns das sogenannte „Initial Coin Offering“ (kurz: ICO). Doch was genau sind ICOs überhaupt?

Am Anfang stand der Bitcoin …

Der Bitcoin läutete die digitale Revolution der Finanztechnologie ein. Er hauchte der Idee einer digitalen Währung, die völlig losgelöst von Banken dezentral auf unzähligen Computern verwaltet werden kann, Leben ein. Das Erfolgsmodell fand in Form von anderen Kryptowährungen schnell Nachahmer. Gleichzeitig machte die größte Digitalwährung die Blockchain-Technologie salonfähig und für weitere Fintechinnovationen zugänglich. ICOs, die aktuell einen unaufhaltsamen Aufschwung erfahren, gehören zu diesen Innovationen.

Das Initial Coin Offering ist eine neue Form der Unternehmensfinanzierung, welche an das dir sicherlich bekannte Initial Public Offering (kurz: IPO) angelehnt ist. Bei letzterem handelt es sich nämlich um den Börsengang eines Unternehmens, bei welchem Aktien zwecks Kapitalbeschaffung über eine Wertpapierbörse verkauft werden. Ähnlich verhält es bei ICOs. Der feine Unterschied ist jedoch, dass dies nicht über einen regulierten Kapitalmarkt wie etwa Börsen geschieht und anstatt von Firmenanteilen sogenannte Token erworben werden.

Zwar erzeugt und bestimmt das Unternehmen selbst die Art der Token-Verwendung, in der Regel kannst du dir aber diese als digitale Coupons vorstellen. Mit den Tokens erwirbst du als Investor nämlich die Währung des finanzierten Projekts. Der Gedanke hierbei ist, dass du ähnlich wie beim Kauf von Aktien eine Wette auf die Zukunft eingehst: Findet das Projekt viele Investoren, sodass die Nachfrage langfristig das Angebot übertrifft, dann übersteigt in der Regel auch nach Fertigstellung des Projekts der Wert der Tokens den anfänglichen Ausgabepreis. Du kannst die Tokens des Projekts also nach einem positiven Kursverlauf über Handelsplattformen wieder gewinnbringend verkaufen. Andererseits musst du mit finanziellen Einbußen rechnen, wenn das Projekt aufgrund zu weniger Unterstützer zu scheitern droht.

Bedenke aber, dass du im Gegensatz zum Aktienerwerb mit dem Kauf der herkömmlichen Tokens, auch als Utility Token bekannt, keine Rechte am Unternehmen erhältst. Anders sieht es jedoch bei dem neueren Revenue Share Token aus. Als Besitzer eines solchen Tokens hast du Anspruch auf Gewinnausschüttungen. Wiederum andere Tokens sind mit Rechten ausgestattet, die dem Stimmrecht einer Stammaktie gleichen. Nur entscheidest du hier nicht über die Zukunft eines Unternehmens, sondern eben über die einer digitalen Organisation mit.

Mithilfe von ICO 153 Millionen US-Dollar in drei Stunden

Aktuell erfreuen sich ICOs insbesondere bei Startups und jungen Unternehmen großer Beliebtheit. Dies ist angesichts der Tatsache, dass die Teilnahme an traditionellen Kapitalmärkten mit teilweise sehr hohen Anforderungen verbunden ist, jedoch kaum verwunderlich. Startups können diese Anforderungen schlichtweg nicht erfüllen und haben in der ICO eine Alternativlösung gefunden. So auch das Jungunternehmen Brave Software. Diesem haben für die Weiterentwicklung eines neuen Browsers die entsprechenden finanziellen Mittel gefehlt. Brave Software versprach sich via ICO, nachdem es sein Produkt ausführlich der Öffentlichkeit vorstellte, die für den Fortschritt des Projekts erforderliche Finanzspritze. Das Ergebnis: Die Erwartungen des Unternehmers wurden nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen. In nur 30 Sekunden sammelte das ICO 35 Millionen US-Dollar.

Den Rekord in Sachen ICO-Finanzierung hielt jedoch noch vergangenes Jahr das israelische Startup Bancor. Das Unternehmen betreibt ein gleichnamiges Protokoll für die standardisierte Produktion von Smart Tokens auf Basis der Ethereum-Blockchain. Ihr Projekt konnte in drei Stunden 153 Millionen US-Dollar einfahren. Zahlreiche weitere Unternehmen geben in der Finanzierungsphase projektbezogene Tokens heraus. Mit diesen können Anleger nach erfolgreicher Finanzierung des Projekts z. B. angebotene Produkte des Unternehmens kaufen. Die erworbenen Tokens sind für die Inhaber somit nicht nur einer Art digitaler Wertpapiere, sondern auch eine günstige Form des Produkterwerbs.

Die Schattenseiten von ICOs

ICOs sind besonders für Unternehmen attraktiv. Mit ihnen lassen sich in Sekundenschnelle schwindelerregende Summen aufbringen. Das aktuell bekannteste Beispiel ist EOS, welches sich via ICO mit vier US-Milliarden finanzieren ließ. Aktuell gibt es rund 1.900 unterschiedliche Token – Tendenz steigend. Denn während über ICOs im Jahr 2017 rund knapp 5,5 Milliarden US-Dollar flossen, wurde alleine für dieses Jahr im August die 14 Milliarden US-Dollar-Marke geknackt. Renommierte Wirtschaftsanalysten sprechen der neuen Finanzierungsform für die Zukunft eine zunehmende Bedeutung zu.

Doch wie sieht es mit den Risiken der Investoren aus? Die meisten ICOs meiden jegliche Begrifflichkeiten des Investierens und sprechen überwiegend von einem Crowdsale oder gar einer Spende. Und dies aus bestimmten Grund. Traditionelle Kapitalmärkte unterliegen etlichen Regulierungen, welche in erster Linie dem Schutz der Anleger dienen. ICOs haben hingegen nur wenige Rahmenbedingungen. Dies mag für zwar für junge Startups interessant wirken, weil ihnen so weniger Verpflichtungen entwachsen, für Investoren ist diese Tatsache jedoch ein gravierender Nachteil. Mittlerweile sind bereits über 1.000 Token auf Kosten der Anleger von der Bildfläche verschwunden. Die Gründe für das Verschwinden waren unter anderem Stagnation in der Entwicklung, abnehmendes Interesse in das angebotene Token oder das stillheimliche Verschwinden der Projektleiter nach erfolgreicher Finanzierung. Besonders letztere stellen ein immer größer werdendes Problem dar. Sogenannte Exit Scams, ICOs mit betrügerischen Absichten, haben dem einstigen Vorreiterruf der innovativen Finanzierungsform erheblich Schaden zugefügt. Die Folge war, dass die US-Börsenaufsicht Exempel statuierte, indem es Konten einfror und dadurch potenzielle Betrüger abschreckte.

Zuletzt machten Witz-Token auf sich aufmerksam. Groteske Namensgebunden der Token wie etwa „Useless Coin“ oder „Stupid Coin“ und absurde Projektbezeichnungen, die von Jesus, Trump, Putin oder Katzen handelten, warben für Belanglosigkeit und untergruben so nicht selten den ursprünglichen ICO-Gedanken. Geschäftsmodelle, welche der eigentlichen ICO-Idee entsprechen, werden hingegen zunehmend seltener zu finden. Darüber hinaus machten ICOs kürzlich Schlagzeilen, weil mehr als die Hälfte der Projekte in den ersten vier Monaten scheitern und 70 Prozent der herausgegeben Token-Währungen nach wie vor nicht an Kryptobörsen gelistet sind. Angesichts dieser Tatsachen kann ein solches Fazit nur verheerend sein – so lange, bis nicht strengere Regularien dem Treiben von Exit Scams oder Witz-Token Einhalt gebieten. Solltest du Interesse an dem Erwerb von Tokens haben, ist es wichtig, dass du dir zuvor einen Überblick über die aktuellen Projekte verschaffst und Faktoren wie Vertrauenswürdigkeit und Zukunftsfähigkeit berücksichtigst.

Bildquelle: siberianart / 123RF Standard-Bild

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